Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen

Belletristik, Romane

Ein philosophischer Roman über die Frage, wie man Erkenntnisse gewinnt und die richtigen Entscheidungen trifft.

Eine junge Frau steht vor einer lebensverändernden Entscheidung und stellt sich deshalb die Frage, wie man eigentlich Erkenntnisse gewinnt. Sie überdenkt ihre eigene Situation und die ihrer Mutter und Großmutter, betrachtet aber auch die Erfolge berühmter Wissenschaftler, um so zu verstehen, was das Leben eigentlich ausmacht und wie man voneinander lernen kann. Will ich ein Kind? Will ich es jetzt? Was gibt dem Leben Bedeutung? Die Ich-Erzählerin versucht, im Leben ihrer verstorbenen Mutter und ihrer Großmutter, die Psychoanalytikerin war, Antworten auf diese essenziellen Fragen zu finden. Auf der Suche nach einem Muster, das sich auf ihr eigenes Leben übertragen lässt, nimmt sie Wendepunkte im Leben wichtiger Persönlichkeiten der Medizingeschichte in den Blick: Röntgen und seine Entdeckung der X-Strahlen, Sigmund und Anna Freud und ihre Entwicklung der Psychoanalyse sowie John Hunter, der die Anatomie erforschte. Wie fällt man rationale Entscheidungen, wenn man die emotionalen Konsequenzen nicht absehen kann? Kann man aus der Geschichte und den Errungenschaften anderer lernen und für das eigene Leben Schlüsse ziehen? Die Autorin, für ihre Erzählungen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, erkundet in ihrem ersten Roman auf höchstem Niveau die Angst, folgenreiche Fehler zu machen.

(Erscheint im Mai 2020)

Die Übersetzerin wurde für ihre Arbeit an diesem Roman 2019 mit dem Literaturstipendium der Landeshauptstadt München ausgezeichnet.

Die Jurybegründung:

Andrea O’Brien: „Jessie Greengrass: Sight“ (Übersetzungsprojekt)

Der Debütroman „Sight“ der jungen englischen Autorin Jessie Greengrass (geb. 1982) wurde in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie dem New Yorker, dem Guardian, der Financial Times und dem Spectator durchweg ausgesprochen positiv besprochen. Und das ist kein Wunder. Der Roman ist sowohl sprachlich als auch thematisch sehr anspruchsvoll, was sich bereits auf den eingereichten ersten Seiten gut erkennen lässt, wo es unter anderem um die Anfänge der Kinematographie und die Entdeckung der „X-Strahlen“ durch Wilhelm Conrad Röntgen geht. Daneben – und vor allem – schildert der Roman aus der Ich-Perspektive die Zweifel einer jungen Frau, die sich ein Kind wünscht, aber nicht weiß, ob sie es sich zutrauen kann, eine gute Mutter zu werden.
Beeindruckt hat die Jury vor allem die Souveränität, mit der Andrea O’Brien diesen sprachlich sehr dichten und genau durchkomponierten Text durchdrungen und dem deutschen Lesepublikum zugänglich gemacht hat. Genannt werden müssen auch ihr Ideenreichtum und ihr Mut: Sie klebt nicht am englischen Satzbau, sondern bändigt auch Bandwurmsätze so, dass sie „deutsch“ lesbar bleiben, und erzielt so eine große Wirkungsäquivalenz: Der Text wirkt auf deutsche Lesende so, wie er auf die englischsprachige Leserschaft wirkt. Die Übersetzung besinnt sich ganz auf die Stärken des Deutschen, sowohl im Idiomatischen als auch im Syntaktischen. Sie trifft ganz den Ton des Originals. Man merkt der Übersetzung an, dass Andrea O’Brien den Ausgangstext in seiner ganzen Komplexität verstanden und, ja, dass sie ihn auch erfühlt hat, was ihrer Übersetzung bei aller Intellektualität des Originals, der sie gerecht wird, eine große Unmittelbarkeit verleiht.