Clare Furniss: Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb

Kinder- und Jugendbücher, Romane

Der Roman „Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb“ (erschienen als Spitzentitel 2014 im Carl Hanser Verlag) erzählt die Geschichte der 15-jährigen Pearl, deren hochschwangere Mutter unerwartet an Präeklampsie stirbt.

Doch Pearls kleine Schwester Rose überlebt. Traumatisiert durch den Tod der Mutter, wendet sich Pearl zunächst von dem Neugeborenen (das sie nur „die Ratte“ nennt) ab, und wir folgen ihr und ihrer Familie durch ein schmerzhaftes und schwieriges Jahr. Pearl ist wütend auf die Ratte und auf ihren Stiefvater, den sie ebenfalls für den Tod der Mutter verantwortlich macht. Nach und nach lernt sie jedoch, ihre Trauer zu verarbeiten, ihre Schwester zu akzeptieren und sogar zu lieben, und die Hilfe und Zuneigung ihrer Freunde – der alten, aber auch des neu eingezogenen Nachbarsjungen Finn – anzunehmen.

Erzählt wird das Jahr aus Pearls Perspektive, mit einer herzzerreißend ehrlichen Stimme voller Wut und Trauer, aber auch mit Leichtigkeit und streckenweise sarkastischem Humor.

Furniss richtet sich mit ihrem Roman an jugendliche Leser, doch die komplexe, sehr emotionale Geschichte ist auch für ein erwachsenes Publikum geeignet. Dieses Buch zeichnet sich durch eine klare, kraftvolle Sprache aus, die trotz aller Emotionalität nie ins Kitschige oder Melodramatische abkippt.

Die Autorin hat Pearl mit einer authentischen Stimme versehen, ohne sich bei ihrer jugendlichen Leserschaft anzubiedern. Furniss gelingt die sprachliche Gratwanderung zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung und humorvoller Leichtigkeit, die vor allem dann besonders eindrucksvoll zutage tritt, wenn die tote Mutter im Leben ihrer Tochter „auftaucht“ und sich bei diesen Besuchen pubertärer benimmt als die fünfzehnjährige Pearl.

Viele Beschreibungen entfalten ihre emotionale Wucht durch den lakonischen Ton, mit dem die Protagonisten ihre Verzweiflung zu kaschieren versucht. Die Dichotomie zwischen innerem Erleben und äußerem Agieren der in ihrer Trauer gefangenen Ich-Erzählerin schlägt sich auch in der Sprache nieder. Während sie sich nach Zuwendung und Trost sehnt, verprellt sie ihre Umwelt durch ihren schroffen Antagonismus und versagt sich so die Nähe zu geliebten Menschen. Leichte Passagen und Dialoge voll temporeichem Witz bilden einen Gegensatz zum getragenen Ton in Momenten tiefster Verzweiflung. Das sprachliche Austarieren im Spannungsfeld zwischen Humor, Trauer und Wut ist eine echte Herausforderung für die Übersetzung. Es gilt, die vielschichtigen Bedeutungsnuancen zu bewahren, ohne die Sätze zu überfrachten, die Syntax zu verkomplizieren oder ins Klischeehafte abzurutschen.

Clare Furniss, Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb. Hanser, 2014

Ein starker Erstling! Die Dialoge, gekonnt übersetzt, sind bald witzig provokativ und bald ein Wundenlecken. Indes klingt hier auch immer ein anderer Blick auf das Geschehen an – kühn im Ansatz, überraschend differenziert im Resultat.

Hans ten Doornkaat, Neue Züricher Zeitung am Sonntag, 10.08.14

Das Wunder von einer Geschichte erscheint wie ein Geschenk des Himmels. Clare Furniss gelingt mit ihrem Debüt ein absolutes Highlight unter den Jugendbüchern dieses Jahres. Nach nur wenigen Seiten hat man sich wahrlich in  einen Rausch gelesen, sodass man von der Welt um sich herum nichts mehr mitbekommt. Große Gefühle und feinsinniger Humor machen die Lektüre zu einem Erlebnis für alle Sinne. Ohne jeden Zweifel: Hier findet man zwischen zwei Buchdeckeln sein großes (Lese-)glück. Solch guter Unterhaltung kann garantiert niemand widerstehen, selbst Erwachsene nicht. Furniss‘ Worte kommen einer Verführung gleich.

Susann Fleischer auf www.literaturmarkt.info am 11.08.14

Gewinner des deutschen Hörbuchpreises 2015

Im Oktober 2014 von Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unter die Besten sieben Bücher für junge Leser gewählt

Die Arbeit der Übersetzerin wurde mit einem Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds e.V. ausgezeichnet.


Coverfoto (Beitragsbild) © Carl Hanser Verlag